Dieser Beitrag wurde am 15. März 2015 im Raushier Reisemagazin veröffentlicht.

Ich klammere meine Karte in der Hand, während ich erfolglos versuche, den verquirlten Namen der schneeverwehten Straße unter der Straßenleuchte zu entziffern. Der Weg ist nicht markiert und gefrosteter Schnee sammelt sich auf den Schildern. Dies und meine Sehschwäche verhindern jeden Versuch einer fundierten Ortung, wo ich mich gerade befinde. Der holprige Beginn einer – am Ende erfolgreichen – Jagd nach den beeindruckenden Polarlichtern in Finnisch Lappland.

Während ich mein Gepäck den verschneiten Weg entlang schleife, fühle ich, wie sein Gewicht mit jedem Zerren mehr mein Handgelenk belastet. Selbst der Busfahrer konnte den Namen dieser Straße nicht erraten, als ich verzweifelt seinen leeren Bus verließ. Mit diesem “beruhigenden” Gedanken laufe ich weiter, während meine Finger und Beine langsam einfrieren.

Als ich leise Schritte hinter mir höre, sehe ich zum ersten Mal Menschen in diesem kargen, kalten Ort – ein älteres Ehepaar. Ich bete, dass sie Englisch sprechen und bin erleichtert, als sie es tun. Sie werfen einen kurzen Blick auf die Adresse, nicken eifrig und zeigen lächelnd auf einen Supermarkt in der Nähe.

“Nein, nein. Ich suche das Check-in für die Wohnung, die ich gemietet habe.“
“Ja, Wohnung Check-in“, sie zeigen überzeugt auf den Supermarkt.

Verwirrt stolpere ich in den Supermarkt, wo ich in die Kantine weitergeleitet werde. Ich bin verblüfft, als die ältere Frau dort auf Anhieb meinen Namen weiß und mir die Schlüssel zur Wohnung in die Hand drückt. Nach viel Gestikulieren, verzweifeltem Lächeln und Hand-und-Fuß Kommunikation, begreife ich schließlich, wie ich zu meiner Wohnung komme.

Mit dem Schlüssel in der Hand beginnt meine Auseinandersetzung mit den unerbittlichen finnischen Türschlössern. Weder zuschließen noch aufsperren – sie reagieren einfach nicht, wie ich möchte. Nach einem verlorenen Kampf und einer nicht zugesperrten Tür, liege ich unruhig mit einem Messer im Bett und befürchte potenzielle Einbrecher. Das Klickgeräusch der pulsierenden Waschmaschine meines Nachbarn trägt zu meiner Paranoia bei und lässt kontinuierlich hochschrecken. Nach übermäßiger, schlafloser Grübelei komme ich in meiner Müdigkeit zum Schluss, dass dieser Ort für Kriminalität und Einbrüche viel zu kalt ist und verliere mich in einem tiefen Schlaf.

Willkommen in Saariselkä

Saariselkä ist ein bescheidenes, kleines Städtchen mit ungefähr 350 Einwohnern. Es verfügt über einen Supermarkt, einige Restaurants, drei große Hotels und ein Skigebiet. Die Hauptattraktion, sie grenzt an die behaglichen Holzhäuser des Ortes, ist der Nationalpark Urho Kekkonen, wo Touristen mit Motorschlitten fahren, auf Schneeschuhen spazieren, Langlaufen oder Wandern gehen. Da sich Saariselkä am Polarkreis befindet, ist die wesentliche Attraktion aber die grandiose Aurora Borealis, die gelegentlich den wolkenlosen Himmel bemalt. Die Suche nach den Polarlichtern hat auch mich in den hohen Norden getrieben. Mit dem Ziel, meinen Kindheitstraum zu erfüllen: unter allen Umständen die Nordlichter zu beobachten und zu fotografieren.

Bei -30 Grad betrete ich am trüben Morgen die einsame Straße der Stadt, die über mehr Straßenleuchten als Menschen verfügt. Die sporadischen Fahrzeuge bemerke ich auf der Straße nur aufgrund ihres heiteren und abenteuerlichen Schleuderns über den vereisten Schnee.

Als milde Sonnenstrahlen die Spitzen der Tannenbäume rot färben habe ich die Ehre, den ersten Sonnenaufgang der Saison beobachten zu dürfen. Dies, wie ich später erfahre, ist ein magischer, tief emotionaler Moment für die Finnen, da sie ein paar Monate im Jahr in reiner Dunkelheit und trübem Wetter verbringen.

Während der Himmel langsam erwacht, spähen die ersten verträumten Gesichter der Touristen aus ihren gemütlichen Hotels auf die Straße. Die Einheimischen kann man dabei mühelos von den Touristen unterscheiden. Wie ein bunter Hund stechen die Touristen in ihrer Eskimokleidung, Pelzmützen und Polarstiefeln zwischen den wenigen Einheimischen hervor  und schwanken in ihren Daunenanzügen schwitzend nach links und rechts .

Ich beobachte die Finnen, wie sie bei den unfassbaren Minustemperaturen leger durch die Straßen in ihren Jeanshosen und dünnen Jacken spazieren und kann meine Verwunderung über die außergewöhnliche Fähigkeit, ihre Körperwärme beizubehalten nicht unterdrücken. Mit meinen zahlreichen Kleiderschichten kann ich sicher davon ausgehen, dass mich die Einheimischen auf Englisch ansprechen werden.

Auf der Jagd nach den Polarlichtern

Während ich am leuchtendem Lagerfeuer neben einem geräumigen Iglu Würstchen esse, erkundige ich mich bei einer freundlichen Reiseleiterin, an welchen Orten in der Umgebung die Polarlichter am besten zu sehen sind. Ihr Vorschlag, im Nationalpark mit Schneeschuhen zu wandern erscheint mir am Anfang als geniale Idee. Bis mir einfällt, dass der Park sich über 2550 Quadratkilometer erstreckt und von Bären bewohnt ist. Trotzdem entscheide ich mich dafür.

In der ersten Nacht meiner ehrgeizigen Jagd auf die Polarlichter habe ich außerordentliches Glück. Die Wahrscheinlichkeit, das Nordlicht in einer beleuchteten Stadt klar zu betrachten ist ziemlich mager, eigentlich recht aussichtslos. Doch was am Anfang als leuchtende Wolke über meiner Wohnung erscheint, entfaltet sich schnell zu einer eindrucksvollen Aurora Borealis. Eine der schönsten, die ich während meines Aufenthalts in Lappland sichte.

Mit einer gefrorenen Kamera und tauben Fingern, wandere ich zwei Stunden lang in der verwüsteten Dunkelheit des Nationalparks, wo ich die lebendigen Formen der Polarlichter am mitternächtlichen Himmel beobachte und im weichen, knietiefen Schnee fotografiere – umgeben vom schleichenden, furchteinflößenden Klängen der Natur.

Als meine frostbelagerten Augenlider beginnen zusammenzukleben, zieht es mich in die Wohnung zurück. Ich stolpere  über zurück ins Ortszentrum. Die Hoffnung, meine gefrorenen Glieder und Wimpern in der Sauna der Wohnung aufzutauen, wird jäh getrübt. Denn meine Fähigkeit, die Sauna aufzuheizen ist genauso ausgefeilt wie die, finnische Türen zu verriegeln.

Der Weg in den Süden

Und auch auf dem Weg in den Süden Finnlands geht es so weiter – als ich im Zug panisch versuche, die sich andauernd öffnende Tür der Toilette abzuriegeln.

Mein nächster Übernachtungsort ist – wie ich später erfahre – ein illegal vermietetes Hotel am Stadtrand von Rovaniemi, das sich auf einem professionellen Sportplatz befindet. Mit schriller Technomusik und prallenden Übungen im Fitnessstudio, die in meinem Zimmer gut zu hören sind wird der Sportgeist der Athleten zur Schau gestellt. Auf dem Weg zum Zimmer werde ich zur ungewollten Beobachterin des männlichen Umkleideraums, der sich hinter einer unverschlossen Tür befindet – direkt neben meinem Zimmer. Während ich zügig durch den Flur gehe und derweil das breite Grinsen der jungen Männer beobachte, kommt mir in den Sinn, dass ich mir die unschuldige Heimat des Weihnachtsmannes anders vorgestellt habe.

Im Gegensatz zum platten Grinsen der Männer in der Umkleide erklärt mir auf dem Weg nach Vaasa und Helsinki ein junger Mann aus Rovaniemi – der außer Englisch und Schwedisch auch Japanisch beherrscht – finnische Volksgeschichten über die Polarlichter. Laut lappischer Mythologie stammen die Polarlichter, in Finnisch “revontulet” genannt, von einem Polarfuchs, der mit seinem buschigen Schwanz die mondbeleuchteten Schneeflocken in den Himmel fegt, wo sie weiterhin in lebendigen Farben leuchten.

Je näher ich Helsinki komme, desto mehrsprachiger und welterfahrener werden die Einheimischen. Nichtsdestotrotz spiegeln sich  Kultur, Persönlichkeit und Tradition der nördlichen Kleinstädte in der südlichen Stadtbevölkerung wider. Mit ihren Volksgeschichten, lässigen Radtouren durch den knietiefen Schnee, Tretschlitten und Saunen in Hotelzimmern scheinen die Finnen ein ruhiges Leben in der Natur zu genießen. Von Iglus und Lagerfeuern bis zum geräuchertem Lachs, Heidelbeersaft und Rentierfleischbällchen – mein arktisches Abenteuer wurde von vielen neuen Erkenntnissen über die Tradition, Geschichte und Lebensweise der Finnen bereichert.

Als einziges Rätsel bleiben die finnischen Türschlösser, deren Funktionsweise ich wahrscheinlich nie erfahren werde.


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